Fahrzeugtechnische Massnahmen zur Prävention von Motorradunfällen
Einleitung
Motorradfahrende gehören zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmenden. Aufgrund der fehlenden Knautschzone und der hohen Geschwindigkeiten besteht bei Unfällen ein besonders hohes Risiko für schwere oder gar tödliche Verletzungen. Umso wichtiger ist der Einsatz wirksamer Sicherheitslösungen – sowohl in Form aktiver Systeme, die Unfälle vermeiden helfen, als auch passiver Elemente, die im Ernstfall die Verletzungsfolgen reduzieren können. Dabei spielt nicht nur die technische Ausstattung der Motorräder selbst eine Rolle; auch jene der anderen Verkehrsteilnehmenden – insbesondere der zweispurigen Motorfahrzeuge – ist entscheidend, um Kollisionen mit Motorrädern zu verhindern oder deren Folgen zu minimieren.
Zur sicherheitstechnischen Grundausstattung bei Motorrädern gehören funktionierende Bremsen (mit ABS), gut sichtbare Beleuchtung (inkl. Bremslicht und Blinker), Spiegel, ein stabiler Lenker sowie griffige, intakte Reifen mit ausreichendem Profil und richtigem Luftdruck.
Aktuelle Situation
Moderne Motorräder sind heute mit einer Vielzahl an aktiven Sicherheitssystemen ausgestattet, die das Unfallrisiko deutlich senken. Sie greifen unterstützend ein, bevor es zu kritischen Situationen kommt, und helfen, das Fahrzeug kontrollierbar zu halten.
An erster Stelle steht das ABS (Anti-Blockier-System), das das Blockieren der Räder beim Bremsen verhindert – besonders wirksam auf nassem oder rutschigem Untergrund. Seit 2017 ist es für neue Motorräder über 125 cm³ in der EU und Schweiz verpflichtend [1].
Ergänzt wird es durch das Kurven-ABS, das die Bremskraft dynamisch an Schräglagen anpasst. Es erhöht die Stabilität bei Notbremsungen in Kurven – Situationen mit hohem Unfallrisiko. Traktionskontrolle (TCS) verhindert das Durchdrehen des Hinterrads beim Beschleunigen, was insbesondere bei nasser Fahrbahn oder losem Untergrund schützt.
Die Motorcycle Stability Control (MSC) kombiniert diese Systeme zu einem intelligenten Gesamtsystem, das sich automatisch an Fahrsituationen anpasst – etwa in Kurven, bei starkem Beschleunigen oder auf rutschiger Strasse.
Für längere Fahrten bietet der adaptive Tempomat (ACC) zusätzlichen Komfort und Sicherheit, indem er automatisch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält und so das Risiko von Auffahrunfällen reduziert.
Weitere Systeme wie die Wheelie-/Lift Control verhindern das unkontrollierte Abheben von Vorder- oder Hinterrad – besonders bei leistungsstarken Maschinen. Das Reifendruck-Kontrollsystem (RDKS) warnt frühzeitig bei Luftverlust, was gefährliche Reifenschäden verhindern kann. Im Stadtverkehr oder auf der Autobahn erhöht ein Totwinkelwarner die Sicherheit beim Spurwechsel, indem er Fahrzeuge im nicht einsehbaren Bereich erkennt.
Auch Fahrzeuge, die mit Motorrädern kollidieren können – insbesondere Personen-, Last- oder Lieferwagen – spielen eine Rolle beim Schutz von Motorradfahrenden. Im Bereich der aktiven Sicherheit sind es vor allem Fahrerassistenzsysteme, die Kollisionen mit Motorrädern verhindern können. Hierzu gehören u. a.:
- Notbremsassistenten, die Motorräder erkennen
- Totwinkelassistenten, die vor Motorradfahrenden im toten Winkel warnen
Im Bereich der passiven Sicherheit ist die mögliche Schutzausstattung bei Motorrädern deutlich begrenzter als bei Autos. Es gibt keine integrierte Knautschzone oder Airbags (mit Ausnahme eines Modells). Daher liegt der Fokus auf persönlicher Schutzausrüstung (siehe Hinweis 1).
Passive fahrzeugtechnische Sicherheitssysteme bei den Kollisionsgegnern zielen vor allem auf die Gestaltung der Frontpartien mit einer nachgiebigen Struktur ab. Sie können die Verletzungsgefahr bei einem Aufprall verringern.
Präventionsnutzen
Der Präventionsnutzen heutiger fahrzeugtechnischer Sicherheitssysteme bei Motorrädern ist nachweislich hoch, besonders im Bereich der aktiven Sicherheitssysteme. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zur Unfallvermeidung, zur Reduktion der Unfallfolgen und zur Förderung eines sichereren Fahrverhaltens.
- ABS allein reduziert tödliche Motorradunfälle um bis zu 40 %, je nach Studie und Land z. B. [2,3]
- Kurven-ABS, noch nicht flächendeckend verbreitet, bietet zusätzliches Potenzial, da rund 40 % aller Motorradunfälle in Kurven passieren.
- Traktionskontrolle und Stabilitätskontrolle helfen, insbesondere bei Nässe und rutschigem Untergrund, Kontrollverluste zu verhindern – besonders relevant bei leistungsstarken Motorrädern.
Die Kombination aus klassischer aktiver Sicherheit (wie ABS, TCS) und intelligenter Fahrunterstützung (wie MSC, ACC) trägt viel zur Prävention bei. Studien belegen, dass diese Systeme insbesondere bei Nässe, Kurvenfahrten und abrupten Bremsmanövern das Unfallrisiko erheblich verringern.
Auch die technische Sicherheitsausstattung der zweispurigen Kollisionsgegner trägt entscheidend dazu bei, gefährliche Situationen für Motorradfahrende zu vermeiden oder sie vor schweren Verletzungen zu schützen.
Der präventive Nutzen von punktuell in gefährlichen Situationen eingreifenden aktiven Sicherheitssystemen wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen mehrfach bestätigt z. B. [4–12] (genauere Informationen sind hier verfügbar.
Die volle Ausschöpfung des präventiven Potenzials von aktiven Sicherheitssystemen setzt voraus, dass:
- alle Fahrzeuge mit den entsprechenden Technologien (z. B. Notbremsassistent) ausgestattet sind,
- Fahrzeuglenkende die Systeme eingeschaltet lassen,
- die Technologien unter verschiedenen Umwelt- und Infrastrukturbedingungen zuverlässig funktionieren,
- Fahrzeuglenkende die Systeme nicht missbrauchen oder ihre Wirkung überschätzen.
Optimierungspotential
Die technische Weiterentwicklung von Sicherheitssystemen für Motorräder bietet grosses Potenzial, um Unfallrisiken weiter zu reduzieren – besonders im Hinblick auf vernetzte Mobilität, präzisere Assistenzsysteme und deren Integration in Ausbildung und Regulierung.
Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Weiterentwicklung adaptiver Assistenzsysteme. Künftig sollen KI-gestützte Systeme risikobehaftete Fahrmanöver – etwa zu hohe Geschwindigkeit in Kurven – frühzeitig erkennen und automatisch gegensteuern. Auch radar- und kamerabasierte Systeme wie Notbremsassistenten und adaptive Tempomaten sollen verstärkt Einzug in den Motorradbereich halten. Bislang sind sie vor allem in Autos verbreitet.
Gleichzeitig rückt die Vernetzung mit der Verkehrsinfrastruktur (Car2X) stärker in den Fokus. Motorräder könnten künftig Ampelinformationen, Gefahrenhinweise oder Verkehrsdaten empfangen, um frühzeitig reagieren zu können. Die Einführung verpflichtender Unfalldatenschreiber ab 2024 unterstützt zudem die Analyse typischer Risikosituationen und fördert die Entwicklung präventiver Technologien.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kurven- und Schräglagenoptimierung: Verbessertes Kurven-ABS und Traktionskontrollen sollen sich noch präziser an Schräglagen anpassen. Ab Juli 2025 wird in der Schweiz zudem die praktische Motorradprüfung um Inhalte zu Assistenzsystemen erweitert. Ziel ist es, die Kompetenzen im Umgang mit sicherheitsrelevanter Technik zu stärken und die Akzeptanz zu erhöhen – ein wichtiger Faktor, da Systeme wie Wheelie-Kontrolle teils als Einschränkung wahrgenommen werden.
Zur langfristigen Verbesserung der Verkehrssicherheit braucht es auch eine europaweit einheitliche Regulierung, um Fragmentierungen im Markt zu vermeiden. Parallel dazu sollten passive Sicherheitsmassnahmen wie Unterfahrschutz an Leitplanken stärker gefördert werden, da sie mit aktiver Sicherheitstechnik sinnvoll kombiniert werden können.
Herausforderungen bestehen weiterhin bei extremen Fahrsituationen (z. B. starker Schräglage, Offroad-Nutzung) und in der Nutzerakzeptanz. Dennoch zeigt sich: Mit gezielter technischer, infrastruktureller und ausbildungsbezogener Weiterentwicklung kann die Motorradsicherheit in der Schweiz nachhaltig gestärkt werden.
Fazit
Motorradfahrende gehören zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmenden. Moderne Sicherheitssysteme senken das Unfallrisiko für Motorradfahrende deutlich – besonders ABS, Kurven-ABS und Traktionskontrolle zeigen hohen Präventionsnutzen. Dennoch besteht Optimierungspotenzial: KI-gestützte Assistenzsysteme, bessere Schräglagenregelung, Car2X-Vernetzung und praxisnahe Ausbildung können die Wirksamkeit weiter erhöhen. Entscheidend sind zudem einheitliche Standards, kombinierte Infrastrukturmassnahmen und die breite Akzeptanz der Nutzerinnen und Nutzer.
Hinweise
1 Die persönliche Schutzausrüstung wird in einem separaten Text behandelt.
Quellen
[1] Europäische Union EU. VERORDNUNG (EU) Nr. 168/2013 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 15. Januar 2013 über die Genehmigung und Marktüberwachung von zwei- oder dreirädrigen und vierrädrigen Fahrzeugen: L 60/52: EUR-Lex.
[2] Rizzi M, Strandroth J, Tingvall C. The effectiveness of antilock brake systems on motorcycles in reducing real-life crashes and injuries. Traffic Inj Prev. 2009; 10(5): 479–487. DOI:10.1080/15389580903149292.
[3] Teoh ER. Motorcycle antilock braking systems and fatal crash rates: updated results. Traffic Inj Prev. 2022; 23(4): 203–207. DOI:10.1080/15389588.2022.2047957.
[4] Masello L, Castignani G, Sheehan B et al. On the road safety benefits of advanced driver assistance systems in different driving contexts. Transp Res Interdiscip Perspect. 2022; 15: 100670. DOI:10.1016/j.trip.2022.100670.
[5] Leslie AJ, Kiefer RJ, Meitzner MR, Flannagan CA. Analysis of the Field Effectiveness of General Motors Production Active Safety and Advanced Headlighting Systems: University of Michigan, Ann Arbor, Transportation Research Institute. University of Michigan, Ann Arbor, Transportation Research Institute.
[6] Aukema A, Berman K, Gaydos T et al. Real-world effectiveness of model year 2015-2020 advanced driver assistance systems. Washington, DC; 2023 Paper Number 23-0170. https://www-nrd.nhtsa.dot.gov/pdf/esv/proceedings/27/27esv-000170.pdf.
[7] Cicchino JB. Effectiveness of forward collision warning and autonomous emergency braking systems in reducing front-to-rear crash rates. Accid Anal Prev. 2017; 99: 142–152. DOI:10.1016/j.aap.2016.11.009.
[8] Cicchino JB. Effects of lane departure warning on police-reported crash rates. J Safety Res. 2018; 66: 61–70. DOI:10.1016/j.jsr.2018.05.006.
[9] Sternlund S, Strandroth J, Rizzi M et al. The effectiveness of lane departure warning systems-A reduction in real-world passenger car injury crashes. Traffic Inj Prev. 2017; 18(2): 225–229. DOI:10.1080/15389588.2016.1230672.
[10] Wang L, Zhong H, Ma W et al. How many crashes can connected vehicle and automated vehicle technologies prevent: A meta-analysis. Accid Anal Prev. 2020; 136: 105299. DOI:10.1016/j.aap.2019.105299.
[11] Haus SH, Sherony R, Gabler HC. Estimated benefit of automated emergency braking systems for vehicle-pedestrian crashes in the United States. Traffic Inj Prev. 2019; 20(sup1): S171-S176. DOI:10.1080/15389588.2019.1602729.
[12] Flannagan C, Leslie A. Crash Avoidance Technology Evaluation Using Real-World Crash Data. Washington, DC: Department of Transportation. National Highway Traffic Safety Administration; 2020 DOT HS 812 841. DOI:10.21949/1530187.