Strasseninfrastruktur für die Unfallprävention umsetzen
Einleitung
Strasseninfrastruktur wirkt dauerhaft und systematisch. Linienführung, Knotenpunkte, Querungsstellen oder Geschwindigkeitsregime strukturieren Verkehrsabläufe und steuern Interaktionen zwischen Verkehrsteilnehmenden.
Gut gestaltete Infrastruktur reduziert Konflikte, erhöht die Fehlertoleranz und mindert die Unfallschwere. Grundlage wirksamer Massnahmen sind Unfallanalysen, verkehrspsychologische Erkenntnisse und technische Normen, die eine selbsterklärende und fehlerverzeihende Verkehrsraumgestaltung ermöglichen.
Grundlagen für die Umsetzung
Zum Thema Strasseninfrastruktur liegen verschiedene Fachpublikationen vor, die zentrale Aspekte vertiefen und eine nützliche Basis für die Planung und Realisierung schaffen.
Geschwindigkeit
Das passende Geschwindigkeitsregime macht Strassen sicher. Gemäss den heute geltenden Bestimmungen empfiehlt die BFU, innerorts das Modell Tempo 30/50 umzusetzen. Der Sicherheitsgewinn lässt sich mit verschiedenen Infrastrukturmassnahmen zusätzlich vergrössern.
- Modell 30/50Herausgeber : BFUDas Modell 30/50 ist ein Geschwindigkeitsregime für Innerortsstrassen, das die Sicherheit fördert. Die BFU empfiehlt, das untergeordnete Netz gemeinde weit als Tempo-30-Zone zu signalisieren. Da sich aber auf verkehrsorientierten Strassen die meisten schweren Unfälle ereignen, soll auch hier vermehrt Tempo 30 signalisiert werden. Um den Verkehrsfluss zu gewährleisten und Ausweichverkehr zu verhindern, sind die Strassen des übergeordneten Netzes vortrittsberechtigt zu führen.
- BegegnungszonenHerausgeber : BFUBegegnungszonen sollen innerorts Sicherheit, Aufenthaltsqualität und Attraktivität erhöhen, indem sie Fussgängerinnen und Fussgängern mehr Raum und Vorrang einräumen. Die BFU zeigt, dass ihr Erfolg wesentlich von einer verständlichen und situationsgerechten Gestaltung abhängt. Das Dokument ordnet Begegnungszonen als Instrument des Modells 30/50 ein, beschreibt geeignete Einsatzbereiche in Wohnquartieren und Zentren und betont die Bedeutung tiefer Geschwindigkeiten für den Schutz beson-ders verletzlicher Verkehrsteilnehmender.
- Dichte Bebauung – Standort Höchstgeschwindigkeit 50 generellHerausgeber : BFUDie Fachdokumentation zeigt, dass unklare Begriffe wie «dichte Überbauung» zu uneinheitlicher Platzierung des Signals «Höchstgeschwindigkeit 50 generell» führen und damit die Verständlichkeit des Temporegimes schwächen. Entscheidend ist die Übereinstimmung von Signalisation und Strassenraum, da dessen Erscheinungsbild das Geschwindigkeitsverhalten prägt. Präzisierte Kriterien und klare Empfeh-lungen sollen die Signalwirkung stärken, Fehlanpassungen vermeiden und insbesondere innerorts das Risiko falscher Sicherheit für den Langsamverkehr reduzieren.
Kreisel
Der Kreisel ist ein sicherer Knotentyp – sofern richtig eingesetzt und realisiert. Die Empfehlungen der BFU liefern die Instrumente dazu.
- Kreisel – GrundsätzeHerausgeber : BFUKreisel gelten als sichere Knotenform, wenn sie korrekt geplant und umgesetzt werden. Die Fachdokumentation zeigt, welche gestalterischen und verkehrstechnischen Anforderungen dafür entscheidend sind. Im Zentrum stehen eine wirksame Geschwindigkeitsreduktion, ausreichende Ablenkung, gute Sichtverhältnisse sowie die sichere Führung von Fuss- und Veloverkehr. Die Publikation ordnet zentrale Planungsgrundsätze ein und unterstützt die unfallpräventive Gestaltung von Kreiseln auf ver-kehrsorientierten Strassen.
- Kreisel – MittelinselHerausgeber : BFUMittelinseln prägen das Erscheinungsbild vieler Kreisel, erfüllen jedoch vor allem eine sicherheitsrelevante Funktion: Sie sollen die Kreiselanlage früh erkennbar machen und die direkte Durchsicht verhindern, damit Verkehrsteilnehmende den Vortritt im Kreisverkehr nicht übersehen. Die Publikation zeigt, wie Erhöhungen, Bepflanzungen oder Kunstwerke gestaltet werden können, ohne neue Risiken zu schaffen. Im Fokus stehen Anforderungen an Sicht, Ablenkung, Anprallschutz und Unterhalt sowie die Verbindung von Strassenraumgestaltung und Verkehrssicherheit.
Sichere Strassen für Velos
Einen Veloweg bauen oder einen Velostreifen markieren: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Strassen für den Veloverkehr sicherer zu machen.
- Einbahnstrassen – Veloverkehr in GegenrichtungHerausgeber : BFUEinbahnstrassen führen im Veloverkehr oft zu Umwegen und mindern die Netzqualität. Die Publikation empfiehlt daher, Gegenverkehr wenn möglich zuzulassen, sofern Platzverhältnisse und Sicherheit dies erlauben. Vorgaben zu Breiten, Markierung und Führung zeigen, wie Konflikte reduziert werden können. Gleichzeitig weist sie auf erhöhte Risiken etwa für querende Fussgänger hin und betont die sorgfältige Gestaltung zur Sicherung der Verkehrssicherheit.
- KernfahrbahnHerausgeber : BFUKernfahrbahnen werden innerorts häufig dort eingesetzt, wo die Fahrbahnbreite für Radstreifen und Mittellinie nicht ausreicht. Die BFU ordnet diese Markierungsform jedoch weder als Verkehrsberuhigungsmass-nahme noch als nachgewiesenen Sicherheitsgewinn für den Veloverkehr ein. Die ausgewertete Forschung zeigt uneinheitliche Ergebnisse, insbesondere zur Sicherheitswirkung. Entscheidend sind deshalb eine sorgfältige Situationsanalyse sowie ausreichende Breitenverhältnisse, damit die vorgesehene Flächenaufteilung funktioniert und Konflikte zwischen Motorfahrzeug- und Veloverkehr möglichst vermieden werden.
- Führung von Radfahrern bei KreiselnHerausgeber : BFUKreisel stellen für Radfahrende ein erhöhtes Unfallrisiko dar, da sie häufiger in Unfälle verwickelt sind als an konventionellen Knoten. Die BFU empfiehlt deshalb eine Führung, die ihre Sichtbarkeit für den motorisierten Verkehr verbessert. Radstreifen sollen bereits vor dem Kreisel enden, damit Radfahrende rechtzeitig einspuren und die Fahrbahnmitte nutzen können. Wo genügend Platz vorhanden ist, wird eine separate Führung ausserhalb des Kreisels empfohlen, insbesondere bei grösseren oder mehrstreifigen Anlagen.
Massnahmen für Fussgänger
Überführungen, Fussgängerstreifen oder Füessli: Bei Anlagen für Fussgängerinnen und Fussgänger hat die Sicherheit ein besonderes Gewicht, da diese Verkehrsteilnehmenden besonders verletzlich sind.
- BegegnungszonenHerausgeber : BFUBegegnungszonen sollen innerorts Sicherheit, Aufenthaltsqualität und Attraktivität erhöhen, indem sie Fussgängerinnen und Fussgängern mehr Raum und Vorrang einräumen. Die BFU zeigt, dass ihr Erfolg wesentlich von einer verständlichen und situationsgerechten Gestaltung abhängt. Das Dokument ordnet Begegnungszonen als Instrument des Modells 30/50 ein, beschreibt geeignete Einsatzbereiche in Wohnquartieren und Zentren und betont die Bedeutung tiefer Geschwindigkeiten für den Schutz beson-ders verletzlicher Verkehrsteilnehmender.
- FussgängerstreifenHerausgeber : BFUFussgängerstreifen regeln den Vortritt zugunsten des Fussverkehrs und sind als gestaltetes Verkehrsbauwerk zu verstehen, nicht als blosse Markierung. Ihre Sicherheit hängt von klar definierten Voraussetzungen ab: ausreichende Sichtweiten, angepasste Geschwindigkeiten, geeignete Beleuchtung sowie unterstützen-de Elemente wie Schutzinseln. Entscheidend ist zudem eine ausreichende Nutzung. Die Publikation zeigt, dass nur ein sorgfältig platzierter und gestalteter Fussgängerstreifen die Querung wirksam sicherer macht und Fehlanreize vermeiden kann.
- Längsstreifen für FussgängerHerausgeber : BFULängsstreifen für Fussgänger kommen dort zum Einsatz, wo aus städtebaulichen Gründen kein Trottoir realisiert werden kann. Die BFU ordnet sie klar als Ausnahme- und Übergangslösung ein und betont, dass sie nur eingesetzt werden sollen, wenn keine andere Führung des Fussverkehrs möglich ist. Die Publikation beschreibt die zentralen Anforderungen an Breite, Fahrbahnraum und Gestaltung und zeigt, wie flexible Pfosten sowie angepasste Geschwindigkeiten die Sicherheit erhöhen können. Für die Unfallprävention steht dabei die möglichst konfliktarme Trennung von Fuss- und Fahrverkehr im Vordergrund.
Geländer, Pfosten und Poller im Strassenverkehr
Geländer, Pfosten und Poller leiten den Verkehr, grenzen Verkehrsteilnehmende voneinander ab und verhindern Abstürze. Doch wann ist welche Massnahme sinnvoll und worauf ist bei der Umsetzung zu achten?
- Versenkbare PollerHerausgeber : BFUVersenkbare Poller kommen dort zum Einsatz, wo sensible Bereiche des Fuss- und Radverkehrs vor motorisiertem Verkehr geschützt oder Zufahrten gezielt geregelt werden sollen. Die BFU ordnet die Massnahme als Instrument zur Verkehrsberuhigung ein und beschreibt Anforderungen an Signalisation, Sichtbarkeit, Gestaltung und Betrieb. Entscheidend für die Verkehrssicherheit sind eine frühzeitige Erkennbarkeit, hindernisfreie Ausführung sowie eine Steuerung, die Fehlinterpretationen und Konflikte mit berechtigten Ver-kehrsteilnehmenden möglichst verhindert.
- PfostenHerausgeber : BFUPfosten trennen Fahrbahn und Nebenverkehrsflächen physisch voneinander und unterstützen eine klare Verkehrsführung. Die BFU ordnet sie als gezielte Infrastrukturmassnahme ein, die insbesondere dem Schutz des Fussverkehrs sowie der besseren Wahrnehmbarkeit von Verkehrsanlagen dient. Die Dokumentation beschreibt Einsatzbereiche, sicherheitsrelevante Anforderungen und Gestaltungskriterien, von Erkennbarkeit und Beleuchtung bis zu Abmessungen und Rückversetzung. Damit zeigt sie, wie Pfosten zur Ordnung und Sicherheit im Strassenraum beitragen können, ohne neue Hindernisse zu schaffen.
- Geländer und ZäuneHerausgeber : BFUGeländer und Zäune sichern im Strassenraum Fussgängerinnen und Fussgänger sowie teilweise auch Rad-fahrende an absturzgefährdeten Stellen. Die BFU beleuchtet ihre Funktionen, Einsatzbereiche und Gestaltungsanforderungen mit Fokus auf Verkehrssicherheit und Hindernisfreiheit. Entscheidend sind eine situationsgerechte Ausführung, gute Wahrnehmbarkeit und die Vermeidung von Sichtbehinderungen. Besondere Bedeutung kommt dabei Schulwegen, Absturzkanten und Bereichen zu, in denen sichere Führung und Schutz vulnerabler Verkehrsteilnehmender gewährleistet werden müssen.
Zufahrten und Einmündungen
Bei Grundstückszufahrten und Einmündungen ist wichtig, dass ausreichende Sicht herrscht. Oftmals behindern aber Bepflanzungen, parkierte Fahrzeuge oder Werbetafeln die Sicht. Das stellt ein Sicherheitsrisiko dar. Senkrecht geführte Einmündungen wirken zusätzlich verkehrsberuhigend.
- Sicht an Knoten und GrundstückzufahrtenHerausgeber : BFUSichtbehinderungen an Knoten und Grundstückzufahrten erhöhen das Unfallrisiko und stellen in der Praxis weiterhin eine Herausforderung dar. Die Publikation ordnet häufige Ursachen wie Bepflanzungen, parkierte Fahrzeuge oder bauliche Elemente ein und zeigt auf, wie ausreichende Sichtverhältnisse systematisch sichergestellt werden können. Im Fokus stehen Anforderungen an Sichtfelder sowie Empfehlungen für Planung, Bewilligung und Sanierung bestehender Anlagen. Damit liefert die Dokumentation eine Grundlage für eine sicherheitsorientierte Gestaltung des Strassenraums.
- RechtsvortrittHerausgeber : BFURechtsvortritt eignet sich insbesondere für Tempo-30-Zonen und Quartierstrassen, in denen keine Fahrbeziehung bevorzugt werden soll. Die BFU zeigt, dass die Verkehrssicherheit an solchen Knoten stark von einer klaren Erkennbarkeit des Vortrittsregimes und ausreichenden Sichtweiten abhängt. Empfohlen wird der Einsatz vor allem bei gleichwertig gestalteten und ähnlich belasteten Zufahrten. Gestalterische Mass-nahmen und Markierungen können die Wahrnehmbarkeit verbessern und Fehlinterpretationen der Vortrittsregel reduzieren.
Weitere verkehrstechnische Massnahmen
Bushaltestellen, Mehrzweckstreifen oder provisorische Elemente zur Verkehrsführung: Auch bei der Umsetzung weiterer verkehrstechnischen Massnahmen und Infrastrukturprojekten spielt die Sicherheit eine zentrale Rolle.
- BushaltestellenHerausgeber : BFUBushaltestellen sind sicherheitsrelevante Schnittstellen zwischen Fuss-, Velo-, Motorfahrzeug- und öffentlichem Verkehr. Die Publikation ordnet die Anforderungen an Standort, Haltestellentyp und Gestaltung ein und zeigt, wie Konflikte für wartende sowie ein- und aussteigende Fahrgäste reduziert werden können. Im Fokus stehen die situationsgerechte Wahl von Busbucht, Fahrbahn- oder Fahrstreifenhaltestelle, sichere Querungen, gut erkennbare Anlagen sowie hindernisfreie Zugänge und Wartebereiche.
- Strassenbeleuchtung – Auswirkungen auf die VerkehrssicherheitHerausgeber : BFUEnergiesparmassnahmen setzen die nächtliche Strassenbeleuchtung zunehmend unter Druck, obwohl ihre Bedeutung für die Verkehrssicherheit gut belegt ist. Eine Metaanalyse zeigt deutliche Reduktionen schwerer Unfälle durch Beleuchtung, während Abschaltungen oder Dimmungen das Unfallrisiko erhöhen, insbesondere für den Langsamverkehr. Besonders an Fussgängerstreifen und Knoten ist Licht zentral. Vor diesem Hintergrund spricht sich die BFU klar gegen Abschaltungen aus und sieht höchstens punktuelle Anpassungen in schwach frequentierten Nachtstunden als vertretbar.
- MehrzweckstreifenHerausgeber : BFUMehrzweckstreifen kommen auf innerörtlichen Strassen zum Einsatz, um unterschiedliche Nutzungen wie das Linksabbiegen oder das Queren durch Fuss- und Veloverkehr zu bündeln. Die BFU zeigt, dass ihre Sicherheitswirkung stark von einer klaren funktionalen Gliederung, ausreichenden Breiten, einer gezielten baulichen Gestaltung und einer eindeutigen Kennzeichnung abhängt. So lassen sich Fehlinterpretationen, unerwünschte Überholmanöver und Nutzungskonflikte reduzieren sowie die Verkehrssicherheit erhöhen.