Polizeikontrollen zur Prävention von Verkehrsunfällen von Erwachsenen
Einleitung
Polizeikontrollen zielen darauf ab, Verkehrsregeln durchzusetzen und Verstösse zu verhindern. Dabei kann Verschiedenes kontrolliert werden, z. B. die Einhaltung der Geschwindigkeit, das Fahren unter Einfluss von Substanzen (Alkohol, Drogen und Medikamente), die Ablenkung der Lenkerinnen und Lenker, der technische Zustand der Fahrzeuge, die Nutzung von Sicherheitsgurten, der Abstand zwischen den Fahrzeugen; ausserdem der Schwerverkehr. Dieses Kapitel konzentriert sich auf die ersten drei Kontrollarten, da sie für 25- bis 64-Jährige besonders unfallrelevant sind.
Aktuelle Situation
Die rechtliche Grundlage für Verkehrskontrollen bildet in erster Linie die Strassenverkehrskontrollverordnung SVK (SR 741.013). Sie regelt die Befugnisse der Polizei bei Kontrollen im Strassenverkehr. Allgemeine Verkehrskontrollen und auch Alkoholkontrollen dürfen auf öffentlichen Strassen jederzeit und ohne konkreten Verdacht durchgeführt werden.
Für Kontrollen auf Drogen- oder Medikamenteneinfluss ist ein Anfangsverdacht erforderlich, z. B. aufgrund eines auffälligen Fahrverhaltens oder Cannabisgeruchs. Hinsichtlich der Strategie bei polizeilichen Kontrollen gibt es auf nationaler Ebene keine konkreten Vorschriften oder Empfehlungen. In Art. 5 SKV wird lediglich festgehalten, dass «die Behörden die Kontrollen schwerpunktmässig u. a. nach sicherheitsrelevantem Fehlverhalten und den Gefahrenstellen ausrichten». Zudem sollen die Kontrollen «stichprobenweise, systematisch oder im Rahmen von Grosskontrollen» durchgeführt werden. Es besteht also ein grosser Spielraum, wie genau die Polizei ihre Kontrollstrategie entwickelt.
Über die Kontrolltätigkeit in der Schweiz liegen keine systematisch erhobenen Daten vor. Die Kontrolldichte in Bezug auf das Fahren unter Substanzeinfluss dürfte jedoch relativ gering sein: Gemäss Befragungsresultaten wurden 2021 lediglich 4 % der Autofahrenden einem Alkoholtest unterzogen und weniger als 1 % auf Drogeneinfluss kontrolliert [1]. Bei den in schwere Unfälle involvierten Motorfahrzeuglenkerinnen und -lenkern wurde laut amtlicher Statistik etwa bei drei Vierteln ein Alkoholtest und bei rund einem Fünftel ein Drogentest angeordnet.
Befragungen zeigen, dass die grosse Mehrheit der Lenkenden von Personenwagen (PW) in der Schweiz nicht damit rechnet, überhaupt einmal durch die Polizei kontrolliert zu werden [2,3]. Dies gilt insbesondere für Alkohol- und Handykontrollen, bei denen vier von fünf PW-Lenkenden die Kontrollwahrscheinlichkeit als gering bis sehr gering einschätzen. Bei Kontrollen zur Geschwindigkeit sieht es anders aus, dort sind es etwa zwei von drei PW-Lenkenden. Die Einschätzung der Kontrollwahrscheinlichkeit durch Erwachsene zwischen 25 und 64 Jahren entspricht jener der Gesamtbevölkerung [2].
Präventionsnutzen
Kontrollen tragen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Sowohl für Geschwindigkeits- als auch für Substanzkontrollen konnte die Wirksamkeit von Polizeikontrollen in verschiedenen Studien nachgewiesen werden [3,4].
Bei den Alkoholkontrollen sind die anlassfreien Kontrollen positiv zu bewerten. Insbesondere stationäre Kontrollen am Strassenrand entfalten eine grosse Wirkung. Bei Geschwindigkeitskontrollen ist eine Kombination verschiedener Kontrollarten sinnvoll: Während Kontrollen mit (semi-)stationären Messgeräten die Verkehrssicherheit lokal erhöhen, wirken Kontrollen mit bemannten stationären Messsystemen in grösseren Gebieten [3]. (Semi-)stationäre Geschwindigkeitsmesssysteme sind Geräte, die fest installiert sind oder an wechselnden Standorten eingesetzt werden (z. B. Radarkasten). Bemannte stationäre Messsysteme werden vor Ort durch Einsatzpersonal bedient (z. B. mit einem Radargerät) und können mit einem Anhalteposten zur direkten Kontrolle kombiniert werden.
Hinsichtlich Kontrollen zu Ablenkung am Steuer (insbesondere Handynutzung) gibt es Hinweise aus der wissenschaftlichen Literatur, dass sich diese positiv auf die Verkehrssicherheit auswirken [5]. Entsprechende Kontrollen sind jedoch in der Praxis häufig schwer durchzuführen.
Ein zentrales Element für die Wirksamkeit von Kontrollen ist die Kontrollerwartung: Wer erwartet, kontrolliert zu werden, hält sich eher an die Verkehrsregeln. Die Kontrollerwartung ist dabei relevanter als die subjektive Sanktionshärte [6]. Neben einer Erhöhung der Kontrolldichte wirken sich folgende Elemente positiv auf die Kontrollerwartung und die präventive Wirkung von Kontrollen aus [3,6]:
- Deutliche Sichtbarkeit der Kontrollen
- Regelmässige, kontinuierliche Durchführung der Kontrollen
- Fokus auf Unfallschwerpunkte oder Zeiten und Orte, an denen das Verhalten häufig auftritt
- Ergänzende zufällige Kontrollen
- Schwer zu umgehende Kontrollen
- Eine hohe Gewissheit der Sanktionierung
- Begleitende Öffentlichkeitsarbeit
Optimierungspotential
Gezielte Massnahmen im Zusammenhang mit Polizeikontrollen können zur Verbesserung der Verkehrssicherheit Erwachsener im Alter von 25 bis 64 Jahren beitragen. Solche Kontrollen stossen zudem auf breite Akzeptanz: Ob Alkohol-, Drogen-, Ablenkungs- oder Geschwindigkeitskontrollen – mindestens drei Viertel der Autofahrenden erachten deren Häufigkeit als «gerade richtig» oder sogar «zu selten» [7,8].
Ein zentraler Hebel dabei ist die Erhöhung der Kontrollerwartung – insbesondere durch eine häufigere Durchführung von Substanzkontrollen. In der Schweiz liegt die Alkohol-Kontrollquote aktuell nur bei rund der Hälfte der vom Europäischen Verkehrssicherheitsrat (ETSC) empfohlenen Mindestquote von 10 % [9].
Idealerweise sollte laut ETSC sogar jede und jeder dritte Fahrzeuglenkende jährlich auf Alkohol getestet werden. Auch in Bezug auf Ablenkung am Steuer dürfte aufgrund der niedrigen Kontrollerwartung eine erhöhte Kontrolldichte zielführend sein. Erfahrungen aus dem Kanton Tessin zeigen, dass umfangreiche Kontrollen zur Handynutzung möglich sind [10].
Bei Geschwindigkeitskontrollen ist die Kontrolldichte bereits relativ hoch [3]. Dennoch ist die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzungen besonders in Tempo-30-Zonen gering: Nur etwa die Hälfte der Motorfahrzeuglenkenden hält dort das Limit ein, gegenüber rund vier von fünf auf Strassen mit Tempo 80 [11]. Ein Optimierungspotenzial liegt in einer Verstärkung der Kontrollen in Tempo-30-Zonen. Auch Geschwindigkeitskontrollen für schnelle E-Bikes könnten dort vermehrt durchgeführt werden, was insbesondere die Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen betreffen würde.
Die Kontrollstrategie könnte stärker geregelt werden, damit die für die Prävention wichtigen Aspekte bei den Kontrollen gesamtschweizerisch systematischer umgesetzt werden. Der Fokus sollte stärker darauf liegen, die allgemeine Kontrollerwartung zu erhöhen, statt vorrangig Delinquenten zu überführen.
Fazit
Polizeikontrollen sind ein zentraler Ansatz zur Prävention von Strassenverkehrsunfällen in der Schweiz. Durch ihren abschreckenden Charakter tragen sie dazu bei, dass 25- bis 64-Jährige ein regelkonformes und sicheres Verkehrsverhalten zeigen. Damit diese präventive Wirkung erzielt werden kann, muss die Kontrollerwartung in dieser Altersgruppe ebenso wie in der übrigen Bevölkerung möglichst hoch sein.
Quellen
[1] BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung. BFU-Bevölkerungsbefragung 2022: Jährlich wiederkehrende Befragung der Schweizer Wohnbevölkerung zu Themen im Bereich der Nichtberufsunfälle. Bern: BFU; 2022.
[2] Achermann Stürmer Y, Meier D. Erhebung 2024: Sicherheit im Strassenverkehr: Einstellungen und Verhalten der Schweizer Bevölkerung. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2024. DOI:10.13100/bfu.2.551.01.2024.
[3] Hertach P. Geschwindigkeitskontrollen: Empfehlungen aus Präventionssicht. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2021. Forschung 2.401. DOI:10.13100/BFU.2.401.01.2021.
[4] Hertach P, Uhr A, Niemann S. Erhebung 2023: «Roadside Survey Alkohol»: Autofahrten unter Alkoholeinfluss. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2024. DOI:10.13100/bfu.2.529.01.2024.
[5] Arnold LS, Horrey WJ. Effectiveness of distracted driving countermeasures: An expanded and updated review of the scientific and gray Literatures. Washington, DC: AAA Foundation for Traffic Safety FTS; 2022. Research Brief.
[6] Hertach P, Achermann Stürmer Y. Substanzkontrollen bei Motorfahrzeuglenkenden: Empfehlungen aus Präventionssicht. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2021. Forschung 2.402. DOI:10.13100/BFU.2.402.01.2021.
[7] BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung. BFU-Bevölkerungsbefragung 2024: Jährlich wiederkehrende Befragung der Schweizer Wohnbevölkerung zu Themen im Bereich der Nichtberufsunfälle. Bern: BFU; 2024.
[8] BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung. BFU-Bevölkerungsbefragung 2025: Jährlich wiederkehrende Befragung der Schweizer Wohnbevölkerung zu Themen im Bereich der Nichtberufsunfälle. Bern: BFU; 2025.
[9] Rothengatter T, Goldenbeld C, Mäkinen T et al. Police enforcement strategies to reduce traffic casualties in Europe. Brussels: ETSC; 1999.
[10] Bundesamt für Strassen ASTRA. Teilstrategie Verkehrssicherheit. Bern: ASTRA; 2024 V1.0.
[11] Niemann S. Geschwindigkeit auf Schweizer Strassen: Pilotprojekt zur Erhebung des Geschwindigkeitsverhaltens von Motorfahrzeuglenkenden. Bern: BFU, Beratungsstelle für Unfallverhütung; 2020. Forschung 2.378. DOI:10.13100/BFU.2.378.01.2020.